Vor ein paar Jahren stieß ich auf einen Fallbericht, der mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht. Ein 26-jähriger Mann hatte sich in eine Studie zu einem neuen Antidepressivum eingeschrieben. Nach einem Streit mit seiner Freundin schluckte er in suizidaler Absicht alle noch verbliebenen 29 Kapseln auf einmal. Er kam in die Notaufnahme, war blass, schwitzte stark, hatte einen Blutdruck von 80/40 und einen Puls von 110. Er zitterte und war überzeugt, dass er sterben würde. Die Ärzte behandelten ihn sofort.

Erst als man jemanden aus der Studie erreichte um das Medikament zu entblinden, änderte sich alles. Die Kapseln waren Placebos gewesen

Sobald der Mann das hörte, fiel die Anspannung von ihm ab. Innerhalb von fünfzehn Minuten normalisierten sich Blutdruck und Puls, und er war wieder klar. Was an dieser Geschichte so stark bleibt, ist die pure Kraft der Erwartung. Der Mann hatte echte, messbare Symptome. Nur weil er fest damit rechnete, dass die Tabletten ihn umbringen würden. (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/17484949/)

Noch interessanter wird es, wenn man auf die großen Medikamentenstudien schaut. In vielen davon brechen zwischen fünf und fünfundzwanzig Prozent der Patienten in der Kontrollgruppe wegen Nebenwirkungen ab. Das sind Menschen, die gar kein echtes Medikament bekommen haben. Die Beschwerden entstehen allein durch die Erwartung, dass etwas passieren könnte.

Für uns Ärzte ist das extrem interessant. Es erinnert uns daran, dass der Nocebo-Effekt nicht nur in Studien vorkommt, sondern jeden Tag in unserer Arbeit eine Rolle spielt. Wenn wir ein Medikament verschreiben, bringen wir nicht nur den Wirkstoff mit, sondern auch die Erwartungen, die der Patient damit verbindet. Manchmal sind die Nebenwirkungen, die wir sehen, weniger vom Molekül als von dieser Erwartung bestimmt. Das ändert nichts daran, dass Medikamente wirken. Es zeigt nur, wie wichtig es ist, mit den Ängsten und Vorstellungen unserer Patienten sorgsam umzugehen.

Beste Grüße.

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